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Am
3. Juni 1968 gab die Feministin Valerie Solanas drei Schüsse mit silbern
bemalten Kugeln - passend zum Dekor der Factory - auf Andy Warhol ab.
Nachdem sie auch versucht hatte, den Impresario und den Kunstkritiker,
die in Begleitung Warhols waren, zu treffen, floh sie über den Aufzug
der Factory und lieferte sich fast umgehend der Polizei aus; bei ihrem
Prozess bekannte sie sich schuldig. Infolge seiner Verletzungen war Andy
Warhol lebenslänglich - Ironie des Schicksals - gezwungen, den von Feministinnen
so verabscheute Stützapparat, ein Korsett, zu tragen.
Dennoch
weigerte er sich, gegen Solanas auszusagen, die drei Jahre Gefängnis bekam,
Warhol wieder belästigte und erneut festgenommen wurde. Danach verbrachte
sie einige Zeit in psychiatrischen Anstalten und lebte bis zu ihrem Tod
in Kalifornien, so wie sie begonnen hatte, um ihre Heroinsucht zu finanzieren:
als Prostituierte.
Die
Geschichte birgt alle Merkmale eines Märchens aus der Hippie-Zeit und
endet als solches Mitte der 1980er-Jahre: Scheitern des einen Protagonisten,
dauerhaftes Trauma für den anderen. Sie beinhaltet lose auch einige wesentliche
Dekorelemente, die Virginie Barré für ihre Arbeit entworfen hat: Pop,
Feminismus, Mordversuch, echte Kugeln, Vampirblut (Warhol wurde von Solanas
als Vampir bezeichnet), öffentliches Entsetzen und Medienecho. Doch es
ist vor allem der Charakter der tragischen Maskerade dieser Geschichte,
dieses gestörte Gleichgewicht zwischen regressiven Kindereien und äußerster
symbolischer Gewalt, die ihre Prozesse und deren unterschwelligen Obsessionen
am besten zusammenfassen würde.
Wenn
die feministischen und Appropriations-Künstler der 1980er-Jahre die Erben
waren, die mit der Pop Art und der Konzeptkunst des vorhergehenden Jahrzehnts
gebrochen haben, ist Virginie Barré eine Erbin der Appropriation Art,
die diese Kunst eher weiterpflegt als abzulehnen wie etliche andere Künstler
ihrer Generation, denen es weniger darum geht, sich von den Älteren zu
distanzieren als frühere Konzepte quasi rein zweckorientiert wieder aufzugreifen.
Diese
Werke im Werk, die darin bestehen, sich die geistigen Mechanismen der
Appropriation Art anzueignen, führen bei Barré weniger zu einer Kritik
an der Originalität als zu einem gegen die Identität des Künstlers gerichteten
Offenbarungsprozess. Virginie Barré bedient sich einer Fülle aufgegriffener
mehr oder weniger remanenter Bilder, reellen Personen, erzählten Geschichten
und verhandelt zuerst mit ihrem eigenen Unterbewusstsein als Betrachter;
dieses intime und unmoralische Durcheinander der zeitgenössischen Erinnerung
lässt Claude Cahun und Agatha Christie, Fantômette und Virginia Woolf,
Daria und Simone de Beauvoir miteinander verkehren.
Das
systematische Ergebnis der von ihr orchestrierten Szenen, der gewaltsame
Tod, überzeichnet eine doch gemeinhin ausreichend geteilte persönliche
Obsession. Diese Konstanz kehrt humorvoll das Prinzip des ‚Todes des Autors'
um. Virginie Barrés‚ Autor des Todes', der zu einem wiederkehrenden Motiv
in ihrer Arbeit geworden ist, deckt bei jedem ihrer Mordwerke ihre intime
Identität etwas weiter auf, während diese unheimlich demokratischen Themen
schrittweise die Bedingungen eines erweiterten Publikums aufbauen. Sie
produziert ein Werk in der Art eines zwanghaften Feuilletonisten, der
nicht auf das Ende oder die Vollständigkeit seines Feuilletons hinarbeitet,
sondern auf dessen hartnäckige Rekursivität. Einzig "Fragmente" sind möglich
... Um deutlicher zu werden: Die Standards, die hier angewendet werden,
sind anders als die der "Haute Culture". Ein Kunstwerk ist gut, nicht
weil es vollständig und vollendet ist, sondern weil es eine andere Art
der Wahrheit über die Natur des Menschen, eine andere Erfahrung des Menschlichen,
kurz, eine andere gültige und glaubwürdige Sensibilität enthüllt.
Dieses tödliche Thema und seine Übertragungstechniken sprechen für die
radikale Zugänglichkeit der Kunst von Virginie Barré. Doch auch ihre subkulturelle
Anleihen, die arrogante Armut ihrer Materialien und Accessoires, die eitle
Niedertracht der Ästhetik, an die sich dieses Kunstwerk anlehnt. Anstatt
eine raffinierte und spöttische Sprache anzuwenden und geschickt die Schablonen
der Volkskultur und der Kunstgeschichte umzudrehen, fordert diese Kunst
im geschützten und hermetischen Feld der "arty"-Subversion ihren Teil
der Regression.
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