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Auf
einem Ast sitzend, gut versteckt im großen Feigenbaum im Garten, betrachtete
ich mein Leben von oben. Ich schaute meiner Mutter zu, wie sie aus dem
Haus und wieder hinein ging und sich mit Sachen beschäftigte, die mir
als Kind so bedeutend erschienen wie der Große Wagen am Himmel. Ich schaute
meinem Vater zu, wie er sorgfältig überprüfte, ob auch ja alles an seinem
Platz war, und über ein Bonbonpapier auf dem Boden schimpfte.
Ich
stellte fest, dass sie ohne mich leben konnten, dass ihre Handlungsweisen
routiniert waren, ihre Laune immer gleich. Ich betrachtete ihre Kleinlichkeiten,
ihre Lieblosigkeit. Ich dachte, wenn ich nur lang genug in meinem Baum
versteckt bliebe, vielleicht bis nach Einbruch der Dunkelheit, aber nicht
länger, denn ich vergaß jedes Mal Essen mitzunehmen, dass sie sich doch
Sorgen machen, dass sie mich suchen und nicht finden würden und dass sie
in ihrer Angst ihre Liebe für mich entdecken würden. Und so auch sogar
die Liebe zu sich selbst.
Ich wartete stundenlang und erzählte mir dabei schöne Geschichten, bei
denen der Ritter immer so tat, als sei er verletzt, damit ich ihn küsste.
Ich tat alles, um schneller groß zu werden und mit ihm gehen zu können
und um weit fort in einem Schloss oben auf einem unheimlichen und von
Nebelschwaden umgebenen Berg zu leben. Es waren schöne Liebesgeschichten
wie die, die mir meine Mutter abends vorlas, und ich konzentrierte mich
sehr, um noch daran zu denken und zu glauben, auch wenn die Geschichte
aufhörte. Ich lies Tränen in meine Augen steigen, schloss dann meine Lider
halb und sah durch meine Tränen farbige Punkte: Das Leben tanzte darin
wie in einem schönen Märchen.
So
verträumt saß ich oft auf meinem Ast, und jedes Mal befahl mir meine Mutter
mit autoritärer und liebevoller Stimme, runterzukommen und meine Hausaufgaben
zu machen oder mein Zimmer aufzuräumen. Was ich sofort tat, ohne sie warten
zu lassen, um sie nicht zu verletzen.
Eines Tages hat mein Vater den Ast abgesägt. Katia Bourdarel
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