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Die
Dokumentarfilme von Clarisse Hahn sind Studien über Gemeinschaften, aktuelle
Verhaltensmuster, die Rolle des Körpers in unserer Gesellschaft. Sie knüpft
eine sehr enge Beziehung mit den Personen, die sie filmt und über einen
langen Zeitraum begleitet. In Karima (98 Minuten, 2002) begleiten wir
ein Jahr lang eine junge Frau algerischer Herkunft, Karima, die uns in
ihre Famille mitnimmt, zu ihren Freunden und zu den sadomasochistischen
Veranstaltungen, bei denen sie die Domina ist. Hôpital (37 Minuten, 1999)
ist das Eintauchen in die gleichzeitig chaotische und gut organisierte
Welt einer geriatrischen Abteilung. Ovidie (116 Minuten, 2000) erzählt
das Intim- und Alltagsleben einer Pornodarstellerin und ihres Ehemanns.
"Ich
suche die Situationen und die Personen, mit denen ich mich identifizieren
kann, die gleichzeitig aber mein eigenes Wertsystem und die Identität,
die ich mir geschaffen habe, relativieren oder gefährden können. Ich betrachte
den Alltag der Personen, die ich filme, als Lebensvorschläge ebenso wie
als mögliche Lösungen, um dem Realen zu begegnen."
"In
Les protestants (85 Minuten, 2005) gilt mein Interesse einer gut bürgerlichen
protestantischen Famille - meiner eigenen -, die auf der Insel Noirmourtier
zusammenkommt. Ich erforsche das Verhältnis zwischen den einzelnen Leuten
und die Lösungen, die sie finden, um zusammenleben zu können. In einer
kurzen Szene sieht man die Familienmitglieder bei einem Spiel, bei dem
die Teilnehmer einen Kreis bilden und sich auf die Knien des Nachbarn
setzen müssen, sodass niemand den Boden berührt. Auf diese Weise stellt
sich die Famille wie eine solidarische und voneinander abhängige Gemeinschaft
dar.
Ich
versuche zu verstehen, wie sie ihre Lebensweise organisieren, die sich
von einer Generation auf die nächste überträgt: durch dieses religiöse
Zusammengehörigkeitsgefühl, durch verschiedene Arten von Zusammenkünften,
wie Rallyes oder die Pfadfinder, oder eine natürliche gymnastische Methode,
deren Motto "stark sein, um nützlich zu sein" ist. Die Personen reden
über Werte, an die sie glauben und nach denen sie ihr Leben leben. Nach
und nach lassen sie ihre Zweifel und ihre Widersprüche durchblicken, lassen
die Komplexität der Verhältnisse erkennen, die jeder mit seinem familiären
Umfeld, seiner religiösen und sozialen Umgebung pflegt.
In der Porträtserie, aus der der Film besteht, wird der Körper in Frage
gestellt, zugleich enthüllt und verborgen. Er ist der Ort des Verhältnisses
zum anderen, aber auch die Grenze, die dieses Verhältnis behindert. Er
ist der Ort der Individualität, aber auch der Ort der Uniformität.
Der vertraute Ton, der oft in Familienfilmen gepflegt wird, wird hier
gestört, weil die gefilmten Personen vor der Kamera eine gewisse Distanz
bzw. Zurückhaltung zeigen, und es ist diese Zurückhaltung, die den Ton
des Films ausmacht, in dem die Personen, trotz des Platzes, den ich natürlich
in ihren Reihen einnehme, eine reservierte Haltung demonstrieren. Vor
meiner Kamera befinden sie sich in einem ständigen Spannungsfeld zwischen
Zärtlichkeit und Zurückhaltung der Gefühle, starrer Haltung und Entspannung."
Clarisse Hahn
(Die Aufnahmen zum Film Les protestants entstanden mit freundlicher Unterstützung
des CNAP und der Beteiligung von Fresnoy, dem nationalen Studio für zeitgenössische
Kunst.)
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